Dienstag, 30. August 2016

Alt und wohlbekannt: "Stranger Things"

1. AJAX

Ich habe im letzten Jahr ein Stück über den Freitod des Ajax geschrieben. Es ist anders als Sophokles‘ Version, bleibt aber trotzdem komplett im mythischen Sujet verhaftet. Einem befreundeten Dramatiker hatte ich eine erste Version geschickt.

ER: „Das geht so nicht.“
ICH: „Was?“
ER: „Du kannst es nicht unreflektiert im alten Griechenland spielen lassen.“
ICH: „Ich hasse aber Modernisierungen. Ich fühle mich, als ob ich mich beim Publikum anbiedern würde.“
ER: „Ich weiß. Aber das ist nicht der Grund, warum Stoffe modernisiert werden. Es geht um Relevanz.“
ICH: „Wenn ich Sophokles lese, spüre ich ganz deutlich die Relevanz für unsere Gegenwart. Gerade das Weglassen von modernen Reflexionen macht es so klar und pur. Ich will es so pur wie möglich.“
ER: „Bei Sophokles ist das pur, bei dir ist es eine Kopie. Würde man heute einen Rembrandt detailgeteu nachmalen, hätte man trotzdem nur eine leblose Kopie. Das Handwerk mag bis ins Kleinste stimmig sein, trotzdem wird es nie an das Original heranreichen. Bacons Adaption von Velasquez‘ Papst Innozenz-Porträt ist deswegen relevant, weil es Bacon ist und nicht versucht, Velasquez zu sein.“
ICH: „Aber schwäche ich die Dimensionen des Textes nicht, wenn ich ihn durch Jetztbezüge beschränke?“
ER: „Sieh es nicht als Beschränkung, sondern als Erweiterung. Alles Alte ist ja noch da. Aber eben auch Neues. Das ist der Grund, warum man heute noch Camus, Hebbel, Sarah Kane und Heiner Müller spielt, aber nicht mehr Racine, Corneille oder irgendwelche anderen Philologen.“


2. THE MESSAGE

Theater-und Drehbuchautor Stephen Adly Guirgis über seine Intention beim Schreiben von „THE GET DOWN“: 

„My argument, an argument that I've lost so far, is that I really want the show to end in the present. Because I have a notion […] that there's no point to telling a story about the past unless it tells something about how we're living right now. Part of what I'm wrestling with is, other than the nostalgia factor, other than, Oh that's fun. That'd be cool, you have to be saying something about 2016. Otherwise it's just a sentimental journey. When we get to the end, it has to say something about where we are and who we are as people, as a culture, as Americans, right now. Right now is such a crazy, fervent, complicated, difficult, interesting time that in a perfect world that's where I'd want to get to. And that's what certainly I'd be shooting for. But through the lens of this young kid who grew up with nothing that ends up with everything, but sort of has nothing again. It sounds a little grand perhaps, but you have to have these grand notions in mind even if you never get there because you need a compass at times steer you through.“


3. TRUCK TURNER

Mit „Jackie Brown“ hat Tarantino sein Meisterwerk geschaffen: ein Blaxploitationfilm durch und durch, und das nicht mal basierend auf einer originären Idee, sondern auf Elmore Leonards Roman „Rum Punch“ und verlagert in die Gegenwart. Das „Truck Turner“-Zitat „Pick up the phone!“ funktioniert, weil es kritisch eingebettet ist (... im Gegensatz zu „Kill Bill“, der nur Räume schafft, um sie mit Zitaten vollzustellen, um des Ausstellens willen).


4. JOEY

J.J. Abrams ist ein handwerklich ausgezeichneter Kopist. „STAR WARS: The Force Awakens“ ist ein inhaltlich wie formal exaktes Remake des ersten STAR WARS-Filmes und mit „Super 8“ hat er eigentlich alles vorweggenommen, was „Stranger Things“ jetzt für sich beansprucht: Das 80er-Setting, die Kinder als Hauptfiguren, die Sehnsucht nach Freundschaft, die Bedrohung der Idylle durch etwas Fremdes und den Kniefall vor Spielberg. Aber bereits 1985 hat Roland Emmerich, der Spielberg-Kopist der ersten Stunde, mit seinem Film „Joey“ einen Versuch gestartet, die oben genannten Versatzstücke zu konservieren und ist kläglich damit gescheitert. Das Fehlen der eigenen Handschrift is a bitch.

5. WELLKNOWN THINGS

Was „Stranger Things“ von anderen, in den letzten Jahren erschienenen 80er-Adaptionen („Kung Fury“, Hobo With A Shotgun“ etc.) unterscheidet, ist die Ernsthaftigkeit der Erzählung. Die Falle, in die man schnell tappt, ist die Gleichsetzung von fehlender Ironie mit Bedeutung und Naivität mit Tiefe. Denn „Stranger Things“ kann sich nicht aus dem Korsett des Fanboyismus befreien: Jedes Detail verweist auf eine kollektive Erinnerung aus den 80ern, dass einem bald schwindelig davon wird. Die Geschichte der Serie verdichtet die Themen ihrer Vorbilder „ET“, „Firestarter“, „Altered States“, „Explorers“, Stand By Me“ und einem Dutzend anderen Filmen zu einem Medley über die Macht der Freundschaft. Dass sie sich so plump an den Originalen entlanghangelt und sich einfach bei allen 1:1 bedient wäre noch zu verzeihen gewesen, wenn man das Setting von den fiktiven 80ern auf das Heute verlagert hätte. Dieser Ausgangspunkt/Unique Selling Point/Aufhänger/Pitch der Serie ist eigentlich ihr schwächstes Attribut und der Grund, weshalb sie scheitert. Die Themen bleiben dort, wo sie herkommen, hermetisch abgeriegelt, konserviert (Joey!), für die Ewigkeit plastiniert und damit tot.
Wie aufregend, beklemmend und erschütternd wäre es gewesen, wenn Jungs von heute gegen ein übermächtiges, die Gesellschaft kontrollierendes und manipulierendes System ankämpfen hätten müssen und dank dem freundschaftlichen Zusammenhalt untereinander das Monster überwunden hätten? Das wäre ein mythischer Stoff für die Jetztzeit - und würde gleichzeitig die Gattung offenbaren, zu der „Stranger Things“ zu zählen ist: eine Serie für Kinder. Hätte ihr gut getan.


6. NOSTALGIA


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