Freitag, 20. Januar 2012

Once Upon A Time In Anatolia (Nuri Bilge Ceylan)

( Impressionen - Teil 1)

- Als Yasar, der drinnen zwei Leute bewirtet, vor seine Werkstatt tritt, um dem kläffenden Hund ein paar Knochen hinzuwerfen, grollt das herannahnende Gewitter ihm bedeutungsschwer sein baldiges Schicksal entgegen: Sein Leichnam wird die nächsten zweieinhalb Stunden eine Handvoll Beamte, Ärtze, Polizisten, Soldaten und Schaufelgehilfen beschäftigen. Yasar bemerkt nicht, dass der Hund nicht aus Hunger sondern zur Warnung bellt, da er in den drinnen saufenden Männern seinesgleichen wittert - doch in der nächsten Einstellung begegnet uns bereits der Konvoi der Leichensucher.

- Dass Andrei Tarkovskis Werk den archimedischen Punkt bildet, um den Nuri Bilge Ceylans Filme kreisen, war schon seit seinem ersten Kurzfilm „Koza“ deutlich, in dem Orgelwerke von Bach die Monströsität der Zeit untermalen. Doch erst als er mit "Uzak" auf den Komponisten verzichtet hatte, konnten seine von Tarkovski motivierten Einstellungen einen eigenständigen Wert etablieren: Nicht barock ausschweifend, sondern auf das Wesentliche reduziert fließen die Breitbilder ineinander und stören sich nicht an der Leere der Landschaft und den Leerstellen in den abgefilmte Objekten (Straßen, Fenster, Plätze werden nicht mit Komparsen bevölkert, sondern warten darauf, mit Sinn gefüllt zu werden), bis in "Once Upon A Time In Anatolia" (UOATIA) diese Leere selbst zum Gegenstand des Films wird.
(Interessanterweise ist die Tarkovski am nächsten liegende Szene (Als der faule Apfel vom Stamm fällt und in den Bach kullert - auch im Trailer) zwar poetisch, aber doch die Schwächste, da sie wegen ihrer ausschließlichen Symbolik den Erzählfluss unterbricht und das Vorhergegangene in gewisser Weise abwertet. Die Handlung mag langsam vorangeschritten sein, aber außer dieser poetischen Unterbrechung ist sie nichtsdestotrotz vorangeschritten; darum wird das Verhalten während der Premiere in Cannes dem Film nicht gerecht, als nach 90 Minuten Filmzeitdie Protagonisten die Leiche entdecken, vereinzelt applaudiert worden sein soll.)
Der Arzt ist Nihilist und hat oft schon für die Behörden Leichname aufgeschnitten und noch nie eine Seele gefunden. Wenn er in die Schwärze der Nacht blickt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als in innerem Monolog für sich die Indifferenz der Welt zu sehen. Doch Ceylan schürt Zweifel an dieser Weltsicht, da die Nacht zwar dunkel und leer scheint, aber sehr wohl Lebendigkeit birgt: Ein hell erleuchteter Nachtzug schneidet durch das Nichts und unterbricht die überraschenden Voice-Over des Doktors und des Fahrers Arab, dessen dualistische, fast gar manichäische Weltsicht eher auf Leones "Once Upon A Time In The West" als auf die Gebrüder Grimm verweist.

- Aber warum sprechen bei Ceylan die Protagonisten plötzlich so viel? "3 Monkeys" hatte damals die Fans etwas ernüchtert, da der Film zuerst nicht richtig einzuordnen war in das bisherige, recht autobiografische Werk. Eine narrative Geschichte mit einem Plot (um dessen Bewahrung sich beim Drehbuchschreiben seine Frau Ebru kümmert) wirkte zuerst einmal wie ein Zugeständnis an ein breiteres Publikum und der Unterschied zu den vorherigen Filmen ist Ercan Kesal, der zusammen mit den Ceylans am Drehbuch arbeitet. Es erinnert ein wenig an die Zusammenarbeit von Kieslowski und Piesiewicz, die sich an generellen Fragen der Moral abgearbeitet hatten und Kieslowskis Werk sich von Dokumentarfilmen über systemkritische Filme hin zu universellen Themen gewandt hatte. Ähnlich ist auch die Zusammenarbeit mit Kesal, der schon bei "3 Monkeys" nicht nur mitgespielt sondern auch mitgeschrieben hatte. Zusammen habe sie bewusst narrativ eingängigere Bücher mit Plots und dramaturgischen Wendungen konstruiert, die ein größeres Publikum erreichen und in beiden Fällen nehmen sie einen Kriminalfall zum Ausgangspunkt, von dem aus sie die menschlichen Verstickungen und Zufälle, die Zeit und Ort im Leben spielen, entwirren. Ceylan gibt an, dass ihn vor allem die russische Literatur zur Kunst und zum Film gebracht hat und von Dostojewski hat er sicherlich diese Art der Figurenkonstellation. Es ist als ob der Film beim 16. Zug eines Schachspiels beginnt, alle Figuren habe eine Geschichte wie sie zu ihrer Position gelangt sind, an der sie jetzt stehen und ab diesem Moment sind plötzlich alle Schicksale miteinander verwoben: jeder Zug einer einzelnen Figur beeinflusst das gesamte Brett. Und der Kriminalfall hat den Vorteil, dass er Menschen in Ausnahmezuständen zeigt und ihnen direkt in die Seele schauen kann.
Einen anderen russischen Schriftsteller, den Ceylan offensichtlich verehrt, ist Anton Tschechow - den schließlich ist OUATIA eigentlich eine Tschechow-Verfilmung. Die Kurzgeschichte "Der Untersuchungsrichter" wird fast komplett übernommen (Der Untersuchungsrichter erzählt dem Arzt während sie unterwegs zu einer Obduktion sind, von dem mysteriösen Fall einer Frau, die ihren Tod vorhergesagt hat), in der Geschichte "Im Dunkeln" fällt bei einer Gesellschaft im Zug plötzlich das Licht aus und in der Erzählung "Das Glück" graben die Protagonisten nach einem Schatz, von dem sie vergessen haben, wo genau sie ihn unter die Erde gebracht hatten.

- Erschütternd auch wie der Polizeichef zum Befehlshaber und Richter degeneriert, als er dem Gefangenen eine Zigarette verbietet, da er sie nicht „verdient“ hat. Die Moral wird vom kapitalistischen Denken korrumpiert, außer Kraft gesetzt und durch ein Bezahlsystem ausgetauscht.

- Wenn man über die Dunkelheit redet, muss man auch über das Licht reden. Die Scheinwerfer, die in der Nacht der Leichensuche die Gesichter erhellen, werfen ein gelb/grünlichen Schimmer auf die Protagonisten und erst wenn man am Ende den nackten Körper der Leiche sieht, deren Haut sich mittlerweile gelb/grünlich verfärbt hat, erinnert man sich, dass der Tod auch das Licht beherrscht hat.
Immer wieder kommt Platons Höhlengleichnis angeschlichen: dort flackert ein Feuer und wirft Schatten, hier muss ein künstlicher Scheinwerfer die Sonne simulieren und simuliert dabei gleichzeitig die Wahrheit über die Hintergründe des Mordes. Aber erst wenn die Sonne als Quelle der Wahrheit aufgegangen ist, werden die Motive deutlich.

-Die ergreifende Szene, in welcher der Untersuchungsrichter während seines Diktats einen Lachanfall bekommt und die Umstehenden ansteckt. Dort scheidet sich der (Unterhaltungs-)Film von der Realität.

-Diesmal hat Ceylan wirklich die Balance halten können, an der man ein Meisterwerk erkennt - mehr noch als die eigene tiefe Befriedigung, ein Meisterwerk gesehen zu haben, ist die Freude für Ceylan, eins geschaffen zu haben.

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