Dienstag, 26. Oktober 2010

Glaube im Film: Lourdes (Jessica Hausner, 2009)

"Da ist vor allem an den Kult selber zu denken, der auf die versammelten Gläubigen am unmittelbarsten wirkt. Er ist voneiner Langsamkeit und Getragenheit, die nicht zu überbieten ist. Die Bewegungen der Priester in ihrem schweren und steifen Ornat, die Gemessenheit der Schritte, das Gezogene ihrer Worte - ein wenig erinnert es alles an eine unendlich verdünnte Totenklage, über die Jahrhunderte mit solcher Gleichmäßigkeit verteilt, dass von der Plötzlichkeit des Todes, der Heftigkeit des Schmerzes kaum etwas übbriggeblieben ist: der zeitliche Vorgang der Klage ist mumifiziert."
Elias Canetti, Katholizismus und Masse, in: "Masse und Macht".

Die Langsamkeit, von der Canetti spricht, ist die Grammatik der Sprache des Katholizismus. Alles was er zu sagen hat, folgt den Regel der Langsamkeit. Eine Religion, die ihr Fundament auf dem schweren, sturen Schädel des Petrus errichtet, kann nur den unerschütterlichen Geist der Dogmatik atmen.
Das Gewicht dieser Institution erdrückt jedes plötzliche Wort, jeden lebhaften Gedanken und nimmt allem den Funken des Moments Zugunsten ewiger Sicherheit. Dostojewskis "Großinquisitor" sagt nämlich genau das: Anstatt den Menschen die Unsicherheit der Freiheit zu bieten, bietet die kirchliche Institution die Sicherheit des Brotes.

Und genau dort setzt Hausners "Lourdes" an: Im Speisesaal. In einer der wunderbarsten aller Anfangssequenzen (die allein schon eine genauere Analyse wert wäre) bevölkern nach und nach die Hauptfiguren den Saal, werden bedächtig in ihren Rollstühlen geschoben und behutsam an einen ihnen bestimmten Platz gesetzt. Diese gleichförmige Bewegung und Bedächtigkeit, die wie der Nachhall eines Glockenschlages die Luft durchwirkt, erinnert an meditative Atemtechniken, indem man seinen Atem so verlangsamt um in ein anderes Bewußtseinsstadium zu dringen und den Geist zu öffnen, für etwas das ihm sonst verborgen bleibt. (Langsame Kamerafahrten bei Tarkovskij oder Tarr haben einen ähnlichen Effekt).
[Interessant ist, dass gerade die kranken Menschen in "Lourdes" dieser Langsamkeit unterliegen und somit also auch körperlich bedingt empfänglicher für ein religiöses Gefühl sind und nicht nur durch das Leid, das sie zu ertragen haben.]
Wer sich auf Musik des Katholizismus einlassen und ihre Schönheit hören will, der muss sich auf den ihm zugewiesenen Platz setzen und sich der Regel beugen - so scheint die Voraussetzung, auch hier.
Wunderschön zeigt Hausner, wie sich dieser Trotz durch die Figuren zieht, die sich alle zwar in dem katholizistischen Rahmen bewegen und sich nach dem Regelbuch benehmen, aber dann aus z.B. geselligen anstatt aus religiösen Gründen nach Lourdes fahren.
Obwohl es nicht direkt thematisiert wird (vielleicht weil es an einem Ort wie Lourdes redundant wäre) steckt nicht nur in den Gästen/Patienten dieser versteckte Hoffungsschimmer, sondern auch in den Betreuerinnen (wunderbar erschütternde Szene mit der Perücke) - hier steht die Verzweiflung der Hoffnung von Angesicht zu Angesicht gegenüber: alles scheint möglich.
"Lourdes" als eine Kritik an der institutionellen Kirche zu sehen wäre hier sehr kurzsichtig. In den Szenen, in denen die alte Frau vor einer Werbemarienfigur betet, während im Schaufenster daneben hundert kleine Figürchen stehen, zeigt genau die Autonomie des religiösen Herzens, das unabhängig von wirklicher, anerkannter Heiligkeit sich selbst die Devotionale aussucht, vor der es in göttlichem Rhythmus schlagen will.

"Lourdes" dokumentiert die respektvoll die Diskrepanz von Kirche und religiösem Gefühl und steht der Kirche zu, die geistigen Voraussetzungen hervorzurufen, bei denen man sich auf Gott einlassen kann, während der Film gleichzeitig ihren Mangel zeigt, das Herz zu erreichen.  

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