Samstag, 25. September 2010

Enter The Void of Gaspar Noé

Dieser Text liegt (wegen Qualitätsmangel) schon seit Wochen hier rum und ich veröffentliche ihn eigentlich nur, weil ich hier schon lang nix mehr gepostet habe. 
(Spoileralarm für den gesamten Text) 


Ja, der Noé... seit ich "Irreversible" als ersten seiner Filme gesehen habe, ist da ein Zwiespalt (eher ein Zwie-graben), den ich bisher nicht verdaut gekriegt habe. Noé bedient sich aus dem Giftschrank der Werbetrickkiste, um seine Visionen für den Zuschauer so körperlich wie möglich erfahrbar zu machen. Herzfrequenzbeinflussende 20Hz Vibrationen unter die Audiospur geschmuggelt, stroboskopische Sequenzen, hypnotische Musik, Zuschauerhypnose über den Bildschirm, Pistolenschüsse unter Schnitte zwischen Bildern gelegt - Noé macht keinen Hehl daraus, den Zuschauer mit aller Gewalt aus dem Bild heraus in die Mangel zu nehmen und seine Vision aufzuzwingen. In seinen bisherigen fiktionalen Arbeiten sah das in großen Teilen auch ganz gut aus; "Carne", "Seul Conte Nous" und "Irréversible" konnten nicht nur mit ihrer expressiven Technik, sondern teilweise auch mit Inhalten punkten, sodass man sich seiner Bedenken zwar bewußt ist, ihm aber diese Diskrepanz zugesteht (Irreversible war erstmal Skandal, Bellucci-Vergewaltigung, atemlose Kamera - aber am Ende die recht gut erzählte Geschichte eines Mannes, der keine Verantwortung übernehmen wollte)
Problematischer sind da die kürzeren Arbeiten, vorausgesetzt, man untersucht sie mit derselben Gründlichkeit und tut sie etwa nicht nur als Auftragsarbeiten ab: Aids-Spots, die wie Outtakes aus dem "Rectum", dem Schwulenclub aus "Irréversible" wirken; redundantes Stroboskopflackern, das einem die Betrachtung eines Gummipuppenliebhabers erschwert und mir nichtssagende Musikvideos zu mir nichtssagenden Interpreten. Da tummelt sich dieselbe Technik, die man aus den Filmen kennt, wirkt dort aber nicht stimulierend, sondern nur wie die zu oft gehörte catchphrase einer Sitcom.
Ist all die technische Spielerei nun Ausdruck einer Idee oder eines Programms, das Noé auf der Leinwand etablieren will, oder ist es nur Selbstzweck?

Die Nachrichten, die im Netz über Noés neuen Film die Runde machten, begannen früh und waren zahlreich. Unglaubliche visuelle Erlebnisse, ein Drogentrip auf der Leinwand, speziell konstruierte Kamerastative, die alle Dimensionen ausloten können (hätte man eigentlich nur mal bei Michael Snow anrufen können), ein Jahr Drehzeit allein in Tokio, die größte Explosion an Imagination, die je auf Leinwand zu sehen sein werden - entsprechend blumig waren wohl auch die Gebilde, die man sich im Vorfeld so vorgestellt hat.

Ich jedenfalls habe einiges erwartet, auch wenn ich mich skeptisch in den Kinosaal gesetzt habe, da ich keinen Pfifferling auf Drogentrips, Lavalampen, Carlos Castaneda und ähnliches gebe - aber man läßt sich ja gern überzeugen.

Umso überraschender war es, dass das einzig Wilde, Laute, Bunte, für den Zuschauer Gewalttätige die Opening Credit Sequenz war. Reklameähnliche Letter über die gesamte Leinwand, pro Bild ein Font, viel zu schnell geschnitten um irgend etwas lesen zu können, dazu die pumpende Musik vom Daftpunker Thomas Bangalter, die wohl eine Brücke zu Tokios bunter Nachtwelt schlagen sollen.
Danach wirds dann zäh. (Da die Handlung größtenteils bekannt ist, soll hier auf eine Rekapitulation verzichtet werden) Die beiden großen Blöcke des Filmes sind einmal der P.O.V. (Point Of View) der Hauptperson inklusive Drogentrippchen und der viel längere zweite Teil postmortem.

[ENTER]
Im ersten Teil exerziert Noé konsequent die Sicht aus der ersten Person durch und kann dieser speziellen Technik filmisch gesehen leider auch nichts Neues abgewinnen, was nicht schon in Montgomerys "Lady In The Lake", Bigelows "Strange Days" oder unzähligen First-Person-Shooter Computerspielen zu sehen war. Selbst der Hinweis Noés, dass er als Neuheit dem P.O.V. das Blinzeln hinzugefügt hat, traue ich nicht ganz, denn ich glaube, das schon in irgendwelchen Computerspielen gesehen zu haben. Ziemlich am Anfang wird der Trip unter dem Einfluss der Droge DMT (die eine todesähnliche Erfahrung simulieren soll) gezeigt, welcher anscheinend in Kleinstarbeit handgezeichnet worden sein soll, aber eher wie ein Fraktal-Bildschirmschoner in Zeitlupe wirkt.
Mit unerträglich nichtssagenden Dialogen, die den angestrebten authentischen Charakter fast zu parodieren scheinen, spazieren wir durch die Seitensträßchen des Tokioer Stadtteils Roppongi bis der Held schließlich von der Polizei erschossen wird, womit der viel längere zweite Teil beginnt.

Im Film wird desöfteren eine Ausgabe des "Bardo Thödröl", des Tibetischen Totenbuchs, weitergereicht und genau das ist Noés Rechtfertigungsbasis für das technische Brimborium, das er demonstrieren will.
Laut Totenbuch beginnt der Tod beginnt mit den 3 Zwischenzuständen, dem Bardos:
  1. Moment vor dem Tod: Das Wesen des eigenen Geistes strahlt in hellem Licht.
  2. Essenz der höchsten Wirklichkeit: Die friedvollen Gottheiten erscheinen als sich entfaltendes Mandala.
  3. Zwischenzustand des Werdens: Das persönliche Karma (Ursache und Wirkung) und die Taten des Lebens werden durchlebt
Und genau das bekommen wir zu sehen. Die Kamera dreht und wiegt sich hin und her, beleuchtet die Szenerie von oben, bevor sie immer wieder in irgendwelchen kreisförmigen Figuren (Abfluss, Lampe etc) verschwindet, um woanders wieder hervorzukommen.
Dann werden systematisch die Sechs Daseinsbereiche abgearbeitet, bis wir am Ende, welch Überraschung, durch Wiedergeburt am Ziel angelangt sind, was dann entsprechend den unzähligen "Buddhistisch für Anfänger"-Büchern [THE VOID] genannt wird. Was zu beweisen war.

Durch die achronologisch angeordneten Schnipsel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erfahren wir langsam die Geschichte, die hinter den Figuren steht, warum sie in Tokio sind, warum unser Held erschossen wird und warum das brave Mädchen vom Lande im "Sündenpfuhl Tokio" plötzlich als leichtbekleidete Stangentänzerin endet. Was hier nach Seifenoper klingt, ist in Wahrheit leider auch genau das. Der Stern widmete vor kurzem Paz de la Huerta einen mehrseitigen Bericht, indem sie als starke Kunst- und Literatur-schaffende Frau angepriesen wird, die auch gerne ihre Sexualität als Waffe einsetzt (Da stand tatsächlich sowas wie: "Wenn Paz einen Typen mit nach hause nimmt, dann lässt sie sich nicht von ihm nehmen, nein, sie nimmt ihn." - eigentlich ein Abmahnungsgrund für den doofnasigen Schreibling). Also gut, ist sie nicht ein Hollywoodsternchen, sondern eine von den "Guten" möchte man meinen, eine, die nur tut was sie will. Aber dass einen im Film dann ein Juliette Lewis-Verschnitt erwartet, der man nach 5 Minuten einen vom Himmel fallenden Amboss auf den Kopf wünscht, war dann doch ein wenig überraschend.


So innovativ der Film sein wollte, so enttäuschend war er am Ende. Die Generation GoogleEarth nimmt die endlosen Fahrten über Tokio achselzuckend hin, genauso wie die Ego-Shooter Perspektive. Auch das Ende im "Love Hotel", das wie eine phantasielose Kopie eines Sion Sono-Filmes wirkt, fügt der Habenseite der technischen Neuerungen nichts hinzu, denn die Technik von echten Menschen in Miniaturlandschaften wurde im Bewegtbild schon 2006 im Musikvideo "Harrowdown Hill" von Thom Yorke verwendet und nennt sich Smallgantics .
Ach je...

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