Samstag, 11. Februar 2012

The Bristol Sessions



Anlässlich der Grammy Nominierungen für Bear Family Records für ihr Box-Set "The Bristol Sessions" hier nochmal ein paar links zur Vertiefung in diese Geburtsstunde der Country-Musik, die Größen wie die Carter Family und Jimmie Rodgers hervorgebracht hat.

The Bristol Sessions (wikipedia)

Bear Family Records hat dazu eine 5-CD Box inkl. eines 120-Seiten Buchs veröffentlicht:
The Bristol Sessions Box-Set (Bear Family)

Eine den Sessions gewidmete Homepage:
http://bristolsessions.com/

Das obligate Cash-Zitat:
"The single most important event in the history of country music."(JOHNNY CASH, on the 1927 Bristol sessions)

Dienstag, 7. Februar 2012

Abel Ferrara's 10 Lessons

Emir Kusturica's Küstendorf-Festival mausert sich so langsam zu einem europäischen Sundance (bevor es das heutige Sundance war): Nuri Bilge Ceylan, die Gebrüder (!) Dardenne, Andreas Dresen und eben Abel Ferrara, der seine 10 Lessons übers Filmmaking zum besten gibt: Lesen Sie selbst!

Dienstag, 24. Januar 2012

Brief an Hoytema

Lieber Hoyte!

Zuerstmal muss ich sagen: was ein exzentrischer Name für ausländische Ohren! Sicher, in den Niederlanden ist es wohl einfach sowas wie "Peter Peters", aber egal, Deinen Namen werde ich nicht mehr vergessen. Warum? Nun, bisher hab ich keinen Pfifferling auf einen Film gegeben, der einfach nur gut aussah, aber mich inhaltlich gelangweilt hat - Bertoluccis "Il Conformista" zum Beispiel. Und dann kommst du um die Ecke mit diesem Film. Ich hatte vorher noch nie von Dir gehört, auch wenn "Let the right one In" gut aussah. David O' Russell mag ich gar nicht, aber nun, da ich WEISS, habe ich mir die BluRay von "The Fighter" bestellt. Trotz Marky Mark. Daran bist nur Du schuld, Hoyte. Erst als ich "Tinker Tailor Soldier Spy" gesehen hatte, war mir plötzlich klar, dass alle vorherigen Versuche deiner Kollegen, diesen Look zu reproduzieren, mit dem sie selbst aufgewachsen waren, gescheitert sind. Diese umfassende Weisheit in der Bildkomposition, die perfekte Analyse der alten Klassiker aus den viel zu oft zitierten 70ern und die Dreistigkeit, die Kadrage ganz barock mit Information vollzuladen, ohne in Manierismus abzustürzen, hat mich so erschüttert und entzückt, dass ich arbeitsbienengleich das komplizierte Drehbuch und die an zu losen Zügeln gehaltenen Schauspieler kritiklos abgenickt habe, nur um weitere Szenen in Deiner Bilderwelt verbringen zu dürfen. Nein, perfekt war das noch nicht, die Szene mit dem Flugzeug auf der Landebahn war etwas zu dick aufgetragen, aber du wolltest das Budget und die Möglichkeit dazu nutzen, Dich und Deine Arbeit jedem so tief ins Gedächtnis zu brennen, dass keiner Dich jemals wird übersehen können. Es fühlte sich an, als ob du en passant alle Geschütze, die du hast, aufgefahren hattest, ohne dich je vom Skript zu lösen. Und als ich gestern Alan J. Pakulas "The Parallax View" wiedergesehen habe, war mir beim Betrachten von Gordon Willis' Bildern klar, was dein Geheimnis ist: Du lernst von den Größten.
In einer perfekten Welt würdest Du jeden meiner imaginären Filme drehen.
Gruß an die Familie.

Wer besitzt Weltkino?

Im österreichischen Filmmagazin "Ray" schreibt Phil Cheah über den Einfluss, den Filmfestivals auf Definition von "Weltkino" haben (ausüben?):
Vom Zuhören und vom Teilen

Montag, 23. Januar 2012

Antoine Roegiers - Temptation of St. Anthony

Trailer:

« The Temptation of St. Anthony » (trailer) from antoine roegiers on Vimeo.


from the painting « The Temptation of St. Anthony »by Jérôme Bosch 1505/1506.

Antoine Roegiers
music: Antoine Marroncles
1/5
Video projection on 3 screens, DVD, 11′30
2008

Freitag, 20. Januar 2012

Once Upon A Time In Anatolia (Nuri Bilge Ceylan)

( Impressionen - Teil 1)

- Als Yasar, der drinnen zwei Leute bewirtet, vor seine Werkstatt tritt, um dem kläffenden Hund ein paar Knochen hinzuwerfen, grollt das herannahnende Gewitter ihm bedeutungsschwer sein baldiges Schicksal entgegen: Sein Leichnam wird die nächsten zweieinhalb Stunden eine Handvoll Beamte, Ärtze, Polizisten, Soldaten und Schaufelgehilfen beschäftigen. Yasar bemerkt nicht, dass der Hund nicht aus Hunger sondern zur Warnung bellt, da er in den drinnen saufenden Männern seinesgleichen wittert - doch in der nächsten Einstellung begegnet uns bereits der Konvoi der Leichensucher.

- Dass Andrei Tarkovskis Werk den archimedischen Punkt bildet, um den Nuri Bilge Ceylans Filme kreisen, war schon seit seinem ersten Kurzfilm „Koza“ deutlich, in dem Orgelwerke von Bach die Monströsität der Zeit untermalen. Doch erst als er mit "Uzak" auf den Komponisten verzichtet hatte, konnten seine von Tarkovski motivierten Einstellungen einen eigenständigen Wert etablieren: Nicht barock ausschweifend, sondern auf das Wesentliche reduziert fließen die Breitbilder ineinander und stören sich nicht an der Leere der Landschaft und den Leerstellen in den abgefilmte Objekten (Straßen, Fenster, Plätze werden nicht mit Komparsen bevölkert, sondern warten darauf, mit Sinn gefüllt zu werden), bis in "Once Upon A Time In Anatolia" (UOATIA) diese Leere selbst zum Gegenstand des Films wird.
(Interessanterweise ist die Tarkovski am nächsten liegende Szene (Als der faule Apfel vom Stamm fällt und in den Bach kullert - auch im Trailer) zwar poetisch, aber doch die Schwächste, da sie wegen ihrer ausschließlichen Symbolik den Erzählfluss unterbricht und das Vorhergegangene in gewisser Weise abwertet. Die Handlung mag langsam vorangeschritten sein, aber außer dieser poetischen Unterbrechung ist sie nichtsdestotrotz vorangeschritten; darum wird das Verhalten während der Premiere in Cannes dem Film nicht gerecht, als nach 90 Minuten Filmzeitdie Protagonisten die Leiche entdecken, vereinzelt applaudiert worden sein soll.)
Der Arzt ist Nihilist und hat oft schon für die Behörden Leichname aufgeschnitten und noch nie eine Seele gefunden. Wenn er in die Schwärze der Nacht blickt, bleibt ihm nichts anderes übrig, als in innerem Monolog für sich die Indifferenz der Welt zu sehen. Doch Ceylan schürt Zweifel an dieser Weltsicht, da die Nacht zwar dunkel und leer scheint, aber sehr wohl Lebendigkeit birgt: Ein hell erleuchteter Nachtzug schneidet durch das Nichts und unterbricht die überraschenden Voice-Over des Doktors und des Fahrers Arab, dessen dualistische, fast gar manichäische Weltsicht eher auf Leones "Once Upon A Time In The West" als auf die Gebrüder Grimm verweist.

- Aber warum sprechen bei Ceylan die Protagonisten plötzlich so viel? "3 Monkeys" hatte damals die Fans etwas ernüchtert, da der Film zuerst nicht richtig einzuordnen war in das bisherige, recht autobiografische Werk. Eine narrative Geschichte mit einem Plot (um dessen Bewahrung sich beim Drehbuchschreiben seine Frau Ebru kümmert) wirkte zuerst einmal wie ein Zugeständnis an ein breiteres Publikum und der Unterschied zu den vorherigen Filmen ist Ercan Kesal, der zusammen mit den Ceylans am Drehbuch arbeitet. Es erinnert ein wenig an die Zusammenarbeit von Kieslowski und Piesiewicz, die sich an generellen Fragen der Moral abgearbeitet hatten und Kieslowskis Werk sich von Dokumentarfilmen über systemkritische Filme hin zu universellen Themen gewandt hatte. Ähnlich ist auch die Zusammenarbeit mit Kesal, der schon bei "3 Monkeys" nicht nur mitgespielt sondern auch mitgeschrieben hatte. Zusammen habe sie bewusst narrativ eingängigere Bücher mit Plots und dramaturgischen Wendungen konstruiert, die ein größeres Publikum erreichen und in beiden Fällen nehmen sie einen Kriminalfall zum Ausgangspunkt, von dem aus sie die menschlichen Verstickungen und Zufälle, die Zeit und Ort im Leben spielen, entwirren. Ceylan gibt an, dass ihn vor allem die russische Literatur zur Kunst und zum Film gebracht hat und von Dostojewski hat er sicherlich diese Art der Figurenkonstellation. Es ist als ob der Film beim 16. Zug eines Schachspiels beginnt, alle Figuren habe eine Geschichte wie sie zu ihrer Position gelangt sind, an der sie jetzt stehen und ab diesem Moment sind plötzlich alle Schicksale miteinander verwoben: jeder Zug einer einzelnen Figur beeinflusst das gesamte Brett. Und der Kriminalfall hat den Vorteil, dass er Menschen in Ausnahmezuständen zeigt und ihnen direkt in die Seele schauen kann.
Einen anderen russischen Schriftsteller, den Ceylan offensichtlich verehrt, ist Anton Tschechow - den schließlich ist OUATIA eigentlich eine Tschechow-Verfilmung. Die Kurzgeschichte "Der Untersuchungsrichter" wird fast komplett übernommen (Der Untersuchungsrichter erzählt dem Arzt während sie unterwegs zu einer Obduktion sind, von dem mysteriösen Fall einer Frau, die ihren Tod vorhergesagt hat), in der Geschichte "Im Dunkeln" fällt bei einer Gesellschaft im Zug plötzlich das Licht aus und in der Erzählung "Das Glück" graben die Protagonisten nach einem Schatz, von dem sie vergessen haben, wo genau sie ihn unter die Erde gebracht hatten.

- Erschütternd auch wie der Polizeichef zum Befehlshaber und Richter degeneriert, als er dem Gefangenen eine Zigarette verbietet, da er sie nicht „verdient“ hat. Die Moral wird vom kapitalistischen Denken korrumpiert, außer Kraft gesetzt und durch ein Bezahlsystem ausgetauscht.

- Wenn man über die Dunkelheit redet, muss man auch über das Licht reden. Die Scheinwerfer, die in der Nacht der Leichensuche die Gesichter erhellen, werfen ein gelb/grünlichen Schimmer auf die Protagonisten und erst wenn man am Ende den nackten Körper der Leiche sieht, deren Haut sich mittlerweile gelb/grünlich verfärbt hat, erinnert man sich, dass der Tod auch das Licht beherrscht hat.
Immer wieder kommt Platons Höhlengleichnis angeschlichen: dort flackert ein Feuer und wirft Schatten, hier muss ein künstlicher Scheinwerfer die Sonne simulieren und simuliert dabei gleichzeitig die Wahrheit über die Hintergründe des Mordes. Aber erst wenn die Sonne als Quelle der Wahrheit aufgegangen ist, werden die Motive deutlich.

-Die ergreifende Szene, in welcher der Untersuchungsrichter während seines Diktats einen Lachanfall bekommt und die Umstehenden ansteckt. Dort scheidet sich der (Unterhaltungs-)Film von der Realität.

-Diesmal hat Ceylan wirklich die Balance halten können, an der man ein Meisterwerk erkennt - mehr noch als die eigene tiefe Befriedigung, ein Meisterwerk gesehen zu haben, ist die Freude für Ceylan, eins geschaffen zu haben.

Samstag, 31. Dezember 2011

Bildschnitzer Steiner

Zum Jahresende: Den meiner Meinung nach besten Film von Werner Herzog - passt ja ein wenig zur Jahreszeit (und kurz ist er obendrein):

Die große Extase des Bildschnitzers Steiner


Donnerstag, 30. Dezember 2010

Faulkner und der Pharao

"Ein Journalist erzählte, dass William Faulkner, der als Drehbuchautor für THE LAND OF THE PHARAOS engagiert wurde, bei dem Howard Hawks die Regie übernehmen sollte, lange zögerte, bevor er sich ans Schreiben machte. Die Monate vergingen, Trauners Dekor wurde gebaut, und nicht eine Zeile war zu Papier gebracht.
Eines Tages verkündete Faulkner, er habe sich nun an die Arbeit gemacht. Der Produzent erschien und traf den Schriftsteller, der sich vor Lachen nicht mehr halten konnte. Er fragte ihn nach den Gründen für dieses Gelächter, und Faulkner zeigte ihm die erste Zeile des Dialogs. Der Pharao besichtigt den Bau der Pyramiden und fragt die Arbeiter:
"How's it going, boys?""

in: "Der unsichtbare Film" von Jean-Claude Carriere

Samstag, 4. Dezember 2010

Donnerstag, 25. November 2010

Reset the Preset - Color Correction des 21. Jahrhunderts

Dieser amüsant geschriebene Blog-Eintrag klärt uns auf, dass eine Einstellung in Farbkorrekturprogrammen so gut wie in jedem aktuellen Hollywood-Film (und nicht nur dort) zu finden ist: TEAL & ORANGE

Donnerstag, 4. November 2010

Trailers From Hell

Sehr nette Seite, auf der Regisseure Trailer kommentieren, Joe Dante zB, Edgar Wright oder auch der kürzlich verstorbene George Hickenlooper, leider auch die Doofnase Eli Roth, aber den muss man ja nicht anklicken:
TRAILERS FROM HELL

Dienstag, 26. Oktober 2010

Glaube im Film: Lourdes (Jessica Hausner, 2009)

"Da ist vor allem an den Kult selber zu denken, der auf die versammelten Gläubigen am unmittelbarsten wirkt. Er ist voneiner Langsamkeit und Getragenheit, die nicht zu überbieten ist. Die Bewegungen der Priester in ihrem schweren und steifen Ornat, die Gemessenheit der Schritte, das Gezogene ihrer Worte - ein wenig erinnert es alles an eine unendlich verdünnte Totenklage, über die Jahrhunderte mit solcher Gleichmäßigkeit verteilt, dass von der Plötzlichkeit des Todes, der Heftigkeit des Schmerzes kaum etwas übbriggeblieben ist: der zeitliche Vorgang der Klage ist mumifiziert."
Elias Canetti, Katholizismus und Masse, in: "Masse und Macht".

Die Langsamkeit, von der Canetti spricht, ist die Grammatik der Sprache des Katholizismus. Alles was er zu sagen hat, folgt den Regel der Langsamkeit. Eine Religion, die ihr Fundament auf dem schweren, sturen Schädel des Petrus errichtet, kann nur den unerschütterlichen Geist der Dogmatik atmen.
Das Gewicht dieser Institution erdrückt jedes plötzliche Wort, jeden lebhaften Gedanken und nimmt allem den Funken des Moments Zugunsten ewiger Sicherheit. Dostojewskis "Großinquisitor" sagt nämlich genau das: Anstatt den Menschen die Unsicherheit der Freiheit zu bieten, bietet die kirchliche Institution die Sicherheit des Brotes.

Und genau dort setzt Hausners "Lourdes" an: Im Speisesaal. In einer der wunderbarsten aller Anfangssequenzen (die allein schon eine genauere Analyse wert wäre) bevölkern nach und nach die Hauptfiguren den Saal, werden bedächtig in ihren Rollstühlen geschoben und behutsam an einen ihnen bestimmten Platz gesetzt. Diese gleichförmige Bewegung und Bedächtigkeit, die wie der Nachhall eines Glockenschlages die Luft durchwirkt, erinnert an meditative Atemtechniken, indem man seinen Atem so verlangsamt um in ein anderes Bewußtseinsstadium zu dringen und den Geist zu öffnen, für etwas das ihm sonst verborgen bleibt. (Langsame Kamerafahrten bei Tarkovskij oder Tarr haben einen ähnlichen Effekt).
[Interessant ist, dass gerade die kranken Menschen in "Lourdes" dieser Langsamkeit unterliegen und somit also auch körperlich bedingt empfänglicher für ein religiöses Gefühl sind und nicht nur durch das Leid, das sie zu ertragen haben.]
Wer sich auf Musik des Katholizismus einlassen und ihre Schönheit hören will, der muss sich auf den ihm zugewiesenen Platz setzen und sich der Regel beugen - so scheint die Voraussetzung, auch hier.
Wunderschön zeigt Hausner, wie sich dieser Trotz durch die Figuren zieht, die sich alle zwar in dem katholizistischen Rahmen bewegen und sich nach dem Regelbuch benehmen, aber dann aus z.B. geselligen anstatt aus religiösen Gründen nach Lourdes fahren.
Obwohl es nicht direkt thematisiert wird (vielleicht weil es an einem Ort wie Lourdes redundant wäre) steckt nicht nur in den Gästen/Patienten dieser versteckte Hoffungsschimmer, sondern auch in den Betreuerinnen (wunderbar erschütternde Szene mit der Perücke) - hier steht die Verzweiflung der Hoffnung von Angesicht zu Angesicht gegenüber: alles scheint möglich.
"Lourdes" als eine Kritik an der institutionellen Kirche zu sehen wäre hier sehr kurzsichtig. In den Szenen, in denen die alte Frau vor einer Werbemarienfigur betet, während im Schaufenster daneben hundert kleine Figürchen stehen, zeigt genau die Autonomie des religiösen Herzens, das unabhängig von wirklicher, anerkannter Heiligkeit sich selbst die Devotionale aussucht, vor der es in göttlichem Rhythmus schlagen will.

"Lourdes" dokumentiert die respektvoll die Diskrepanz von Kirche und religiösem Gefühl und steht der Kirche zu, die geistigen Voraussetzungen hervorzurufen, bei denen man sich auf Gott einlassen kann, während der Film gleichzeitig ihren Mangel zeigt, das Herz zu erreichen.  

Samstag, 25. September 2010

Enter The Void of Gaspar Noé

Dieser Text liegt (wegen Qualitätsmangel) schon seit Wochen hier rum und ich veröffentliche ihn eigentlich nur, weil ich hier schon lang nix mehr gepostet habe. 
(Spoileralarm für den gesamten Text) 


Ja, der Noé... seit ich "Irreversible" als ersten seiner Filme gesehen habe, ist da ein Zwiespalt (eher ein Zwie-graben), den ich bisher nicht verdaut gekriegt habe. Noé bedient sich aus dem Giftschrank der Werbetrickkiste, um seine Visionen für den Zuschauer so körperlich wie möglich erfahrbar zu machen. Herzfrequenzbeinflussende 20Hz Vibrationen unter die Audiospur geschmuggelt, stroboskopische Sequenzen, hypnotische Musik, Zuschauerhypnose über den Bildschirm, Pistolenschüsse unter Schnitte zwischen Bildern gelegt - Noé macht keinen Hehl daraus, den Zuschauer mit aller Gewalt aus dem Bild heraus in die Mangel zu nehmen und seine Vision aufzuzwingen. In seinen bisherigen fiktionalen Arbeiten sah das in großen Teilen auch ganz gut aus; "Carne", "Seul Conte Nous" und "Irréversible" konnten nicht nur mit ihrer expressiven Technik, sondern teilweise auch mit Inhalten punkten, sodass man sich seiner Bedenken zwar bewußt ist, ihm aber diese Diskrepanz zugesteht (Irreversible war erstmal Skandal, Bellucci-Vergewaltigung, atemlose Kamera - aber am Ende die recht gut erzählte Geschichte eines Mannes, der keine Verantwortung übernehmen wollte)
Problematischer sind da die kürzeren Arbeiten, vorausgesetzt, man untersucht sie mit derselben Gründlichkeit und tut sie etwa nicht nur als Auftragsarbeiten ab: Aids-Spots, die wie Outtakes aus dem "Rectum", dem Schwulenclub aus "Irréversible" wirken; redundantes Stroboskopflackern, das einem die Betrachtung eines Gummipuppenliebhabers erschwert und mir nichtssagende Musikvideos zu mir nichtssagenden Interpreten. Da tummelt sich dieselbe Technik, die man aus den Filmen kennt, wirkt dort aber nicht stimulierend, sondern nur wie die zu oft gehörte catchphrase einer Sitcom.
Ist all die technische Spielerei nun Ausdruck einer Idee oder eines Programms, das Noé auf der Leinwand etablieren will, oder ist es nur Selbstzweck?

Die Nachrichten, die im Netz über Noés neuen Film die Runde machten, begannen früh und waren zahlreich. Unglaubliche visuelle Erlebnisse, ein Drogentrip auf der Leinwand, speziell konstruierte Kamerastative, die alle Dimensionen ausloten können (hätte man eigentlich nur mal bei Michael Snow anrufen können), ein Jahr Drehzeit allein in Tokio, die größte Explosion an Imagination, die je auf Leinwand zu sehen sein werden - entsprechend blumig waren wohl auch die Gebilde, die man sich im Vorfeld so vorgestellt hat.

Ich jedenfalls habe einiges erwartet, auch wenn ich mich skeptisch in den Kinosaal gesetzt habe, da ich keinen Pfifferling auf Drogentrips, Lavalampen, Carlos Castaneda und ähnliches gebe - aber man läßt sich ja gern überzeugen.

Umso überraschender war es, dass das einzig Wilde, Laute, Bunte, für den Zuschauer Gewalttätige die Opening Credit Sequenz war. Reklameähnliche Letter über die gesamte Leinwand, pro Bild ein Font, viel zu schnell geschnitten um irgend etwas lesen zu können, dazu die pumpende Musik vom Daftpunker Thomas Bangalter, die wohl eine Brücke zu Tokios bunter Nachtwelt schlagen sollen.
Danach wirds dann zäh. (Da die Handlung größtenteils bekannt ist, soll hier auf eine Rekapitulation verzichtet werden) Die beiden großen Blöcke des Filmes sind einmal der P.O.V. (Point Of View) der Hauptperson inklusive Drogentrippchen und der viel längere zweite Teil postmortem.

[ENTER]
Im ersten Teil exerziert Noé konsequent die Sicht aus der ersten Person durch und kann dieser speziellen Technik filmisch gesehen leider auch nichts Neues abgewinnen, was nicht schon in Montgomerys "Lady In The Lake", Bigelows "Strange Days" oder unzähligen First-Person-Shooter Computerspielen zu sehen war. Selbst der Hinweis Noés, dass er als Neuheit dem P.O.V. das Blinzeln hinzugefügt hat, traue ich nicht ganz, denn ich glaube, das schon in irgendwelchen Computerspielen gesehen zu haben. Ziemlich am Anfang wird der Trip unter dem Einfluss der Droge DMT (die eine todesähnliche Erfahrung simulieren soll) gezeigt, welcher anscheinend in Kleinstarbeit handgezeichnet worden sein soll, aber eher wie ein Fraktal-Bildschirmschoner in Zeitlupe wirkt.
Mit unerträglich nichtssagenden Dialogen, die den angestrebten authentischen Charakter fast zu parodieren scheinen, spazieren wir durch die Seitensträßchen des Tokioer Stadtteils Roppongi bis der Held schließlich von der Polizei erschossen wird, womit der viel längere zweite Teil beginnt.

Im Film wird desöfteren eine Ausgabe des "Bardo Thödröl", des Tibetischen Totenbuchs, weitergereicht und genau das ist Noés Rechtfertigungsbasis für das technische Brimborium, das er demonstrieren will.
Laut Totenbuch beginnt der Tod beginnt mit den 3 Zwischenzuständen, dem Bardos:
  1. Moment vor dem Tod: Das Wesen des eigenen Geistes strahlt in hellem Licht.
  2. Essenz der höchsten Wirklichkeit: Die friedvollen Gottheiten erscheinen als sich entfaltendes Mandala.
  3. Zwischenzustand des Werdens: Das persönliche Karma (Ursache und Wirkung) und die Taten des Lebens werden durchlebt
Und genau das bekommen wir zu sehen. Die Kamera dreht und wiegt sich hin und her, beleuchtet die Szenerie von oben, bevor sie immer wieder in irgendwelchen kreisförmigen Figuren (Abfluss, Lampe etc) verschwindet, um woanders wieder hervorzukommen.
Dann werden systematisch die Sechs Daseinsbereiche abgearbeitet, bis wir am Ende, welch Überraschung, durch Wiedergeburt am Ziel angelangt sind, was dann entsprechend den unzähligen "Buddhistisch für Anfänger"-Büchern [THE VOID] genannt wird. Was zu beweisen war.

Durch die achronologisch angeordneten Schnipsel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erfahren wir langsam die Geschichte, die hinter den Figuren steht, warum sie in Tokio sind, warum unser Held erschossen wird und warum das brave Mädchen vom Lande im "Sündenpfuhl Tokio" plötzlich als leichtbekleidete Stangentänzerin endet. Was hier nach Seifenoper klingt, ist in Wahrheit leider auch genau das. Der Stern widmete vor kurzem Paz de la Huerta einen mehrseitigen Bericht, indem sie als starke Kunst- und Literatur-schaffende Frau angepriesen wird, die auch gerne ihre Sexualität als Waffe einsetzt (Da stand tatsächlich sowas wie: "Wenn Paz einen Typen mit nach hause nimmt, dann lässt sie sich nicht von ihm nehmen, nein, sie nimmt ihn." - eigentlich ein Abmahnungsgrund für den doofnasigen Schreibling). Also gut, ist sie nicht ein Hollywoodsternchen, sondern eine von den "Guten" möchte man meinen, eine, die nur tut was sie will. Aber dass einen im Film dann ein Juliette Lewis-Verschnitt erwartet, der man nach 5 Minuten einen vom Himmel fallenden Amboss auf den Kopf wünscht, war dann doch ein wenig überraschend.


So innovativ der Film sein wollte, so enttäuschend war er am Ende. Die Generation GoogleEarth nimmt die endlosen Fahrten über Tokio achselzuckend hin, genauso wie die Ego-Shooter Perspektive. Auch das Ende im "Love Hotel", das wie eine phantasielose Kopie eines Sion Sono-Filmes wirkt, fügt der Habenseite der technischen Neuerungen nichts hinzu, denn die Technik von echten Menschen in Miniaturlandschaften wurde im Bewegtbild schon 2006 im Musikvideo "Harrowdown Hill" von Thom Yorke verwendet und nennt sich Smallgantics .
Ach je...